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Tuesday, 19 January 2021 17:31

18. Januar 1871: Deutsche Reichsgründung in Versailles Featured

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18. Januar 1871 und heute

Hundertfünfzig Jahre deutsche Geschichte. Angesichts der heutigen aktuellen Probleme der Welt zeigt sich das europäische Ereignis von 1871 als scheinbar marginales Datum: Genau an jenem 18. Januar 1871 wurde im schicksalhaften Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bei Paris König Wilhelm von Preußen von den versammelten deutschen Fürsten zum deutschen Kaiser ausgerufen.

Anton von Werners Darstellung der Ausrufung Wilhelms II. zum deutschen Kaiser

Die Vielzahl von Fürstentümern wurde zu einem Bundesstaat zusammengeführt. An der Spitze stand der preußische König Wilhelm. Planer und erster Kanzler war der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck. Was nach diesem – für die Deutschen letzten siegreichen – Krieg folgte, waren Jahrzehnte höchst wechselvoller Entwicklungen mit zwei Weltkriegen, Spanischer Grippe, Revolutionen und Wirtschaftskrisen. Sie führten nach der Befreiung vom zentralistischen NS-Führerstaat zu zwei sehr unterschiedlichen deutschen Staaten, die erst wieder 1990 zusammenfanden. Die Republik Deutschland fungiert heute als demokratischer Bundesstaat anstelle eines feudal zu nennenden Fürstenbundes von 1871. Vor allem aber stellen Deutschland und Frankreich auf dem Kontinent endlich den friedlichen Kern der Europäischen Union, eines nach Integration strebenden Staatenbundes, dar.

Die Umstände und die Finanzierung (!) des Ereignisses von 1871, das am Ende einer Reihe von sogenannten Einigungskriegen stand, sind seit über fünfzig Jahren bekannt. Sie sind in ihren Einzelheiten aber erst seitdem „sine ira et studio“ in einer Reihe wichtiger Historikerarbeiten beschrieben. Dazu gehören das Werk von Fritz Stern (Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder/Gold and Iron. New York 1977 bzw. deutsch Frankfurt, Berlin 1978), das Bild eines ambivalenten Preußens von Christopher Clark (Iron Kingdom. The Rise and Downfall of Prussia, 1600-1947. London 2007 bzw. deutsch: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947. München 2008, bes. Kap. 16 u. 17) und die gerade erschienene Studie von Christoph Nonn (12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des deutschen Kaiserreiches 1871-1918. München 2020; vgl. dazu den Bericht im SWR: https://www.swr.de/swr2/literatur/christoph-nonn-12-tage-und-ein-halbes-jahrhundert-eine-geschichte-des-deutschen-kaiserreiches-1871-1918-swr2-lesenswert-kritik-2020-10-21-102.html).

Auch in Corona-Zeiten lohnt ein Blick zurück. Die politischen Diskussionen und Spannungen in dem heutigen deutschen Bundesstaat, zwischen der Bundesregierung und den Ländern, zwischen der Zentrale und den Regionen, haben ihre „Vorläufer“. Auch wenn es das dominierende, problematische Preußen, das bereits die Nationalsozialisten einverleibt und die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst hatten, nicht mehr gibt.

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Ekkehard Henschke

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