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Welt zwischen Krieg und Frieden, Freiheit und Sklaverei
Ein Woche vor dem Osterfest, am vergangenen Palmsonntag, erinnerte ein kleiner friedlicher Esel an der Spitze einer Prozession daran, wie vor zweitausend Jahren Jesus Christus in Jerusalem im Triumph eingezogen war. In diesem Jahr strömten wieder die Menschen in die Kathedrale von Oxford. Ebenso gut besucht waren die Hörsäle der Universität und andere Veranstaltungsorte am letzten Tag des Oxford Literary Festival. Orte für Besinnung und Nach-Denken. Das jährliche Literaturfest, unterstützt von Universität, Bodleian Libraries und der Tageszeitung The Telegraph, hatte 15.000 bis 20.000 Besucher ins Zentrum gelockt. Vieles erinnerte mich an die ungleich größere Leipziger Buchmesse mit den Lesungen und Diskussionen in den 1990er Jahren, als diese noch in der Innenstadt in drangvoller Enge der Messehallen stattfanden. In Oxford standen Schriftsteller, Politiker, Publizisten, Juristen, Historiker und nicht zuletzt Wissenschaftler bereit, ihre Publikationen vorzustellen und mit dem Publikum zwischen 20 und 90 zu diskutieren.
Thematisch interessierten mich besonders zwei Veranstaltungen. Die eine galt der Anwendung der Smartphone-Technologie in den gegenwärtigen Kriegen in der Ukraine und im Mittleren Osten, die sowohl Militärs als auch Zivilisten (be-)trifft: War in the Smartphone Age | Hurst Publishers. Der britische Militärhistoriker Matthew Ford, Professor an der Schwedischen Verteidigungs-Universität, schilderte und analysierte die heutigen, medial stets präsenten Schlachtfelder; vgl. (34) From innovation to participation: connectivity and the conduct of contemporary warfare. Dabei geriet die Empathie mit den Opfern einer technisch optimierenden Kriegsführung, aber auch politische und ethische Fragen in den Hintergrund.
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Die andere Veranstaltung ging tief in die Vergangenheit hinein. Das neue Buch von Martin Plaut, dem langjährigen BBC-Korrespondenten in Afrika, gilt der Sklaverei und ihren Nachwirkungen bis heute: „Unbroken Chains. A 5.000-Year History of African Enslavement“; Unbroken Chains | Hurst Publishers. Seiner Statistik zufolge sind etwa 40 bis 50 Millionen Menschen zwischen 650 und 1900 aus Afrika als Sklaven verschleppt worden. Reste von Sklaverei in Afrika gibt immer noch. Das millionenfache menschliche Elend, das sich in der Zeit des Kolonialismus gesteigert hatte, betrifft heute sowohl die Nachkommen mit ihrem Suchen nach Identität als auch uns mit der Frage nach der Verantwortlichkeit.
Anders als in Deutschland, wo die Folgen des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts im Vordergrund stehen, wird in Großbritannien – neben dem Zweiten Weltkrieg - das Thema Sklaverei und Sklavenhandel seit einigen Jahren kritisch aufgearbeitet. Spektakulär waren in den letzten Jahren zwei Statuen britischer Akteure In Oxford geriet 2015 die Statue von Cecil Rhodes (1853-1902) im Oriel College ins Visier von Kritikern des britischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts: „Rhodes must fall!“. Rhodes, Symbolfigur der Ausbeutung (von Bodenschätzen und Menschen) hatte nicht nur ein riesiges Vermögen gemacht, sondern auch den Rhodes Trust gegründet, über den bis heute Stipendien an Studenten aus aller Welt vergeben werden. Als Ergebnis der massiven Kritik von Studenten und Wissenschaftlern beschlossen Universität und College, sowohl die Beschäftigung mit der britischen kolonialen Vergangenheit zu intensivieren als auch die wissenschaftlichen Beziehungen mit Südafrika zu verstärken. Allerdings wurde die Rhodes-Statue aus Gründen des Denkmalschutzes am Standort belassen; vgl. The Rhodes Legacy - Oriel College. In Bristol war 2020 die Statue von Edward Colston (1636-1721), einem einstigen Kaufmann und Sklavenhändler, in das Hafenbecken geworfen worden; vgl. Statue of Edward Colston - Wikipedia . Er war zu großen Wohlstand gekommen und hatte sein Gewissen mit Wohltätigkeit für seine Hafenstadt beruhigt. Bristol – und später – Liverpool waren im 17./.18. Jahrhundert auch durch den Sklavenhandel sehr wohlhabend geworden. Erst 1807/1833 gelang es der Bewegung gegen Sklaverei, die von den Quäkern unterstützt wurde, im britischen Empire die Sklaverei offiziell abzuschaffen; vgl. Abolitionism in the United Kingdom - Wikipedia
P.S. Wer sich an seine Jugendbücher erinnert, wird Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn mit Sicherheit nicht vergessen haben. Der zu Recht preisgekrönte amerikanische schwarze Autor Percival Everrett hat deren Abenteuergeschichten aus der Sicht des entflohenen, stets bedrohten Sklaven James weitergeführt. Everett bedient sich dabei mehrerer, auch sprachlicher Ebenen, um die Schicksale schwarzer Sklaven vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges darzustellen und diese auch philosophisch zu reflektieren; vgl. James by Percival Everett — a master at the peak of his powers